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Auf ein Gespräch | Professor Timo Meynhardt

Professor Timo Meynhardt

Ein Universitäts-Campus ist schon ein sehr weites Feld. Selbst ich als Maulwürfin finde die Orientierung hier nicht einfach. Doch ich will mit Timo Meynhardt sprechen. Er ist Professor für Management an der Leuphana Universität Lüneburg, außerdem forscht und lehrt er an der Universität St. Gallen in der Schweiz. Er untersucht, was Unternehmen für die Gesellschaft tun – außer aus Geld mehr Geld zu machen. Und hier, an der Leuphana Universität, treffe ich ihn jetzt.

Herr Professor Meynhardt, Sie sind „Professur für Management sowie Managing Director des Center for Leadership and Values in Society an der Universität St. Gallen“. – Was tun Sie bei Ihrer Arbeit?

| Timo Meynhardt | In den letzen sechs, sieben Jahren beschäftige ich mich mit Fragen des Gemeinwohls. Auf Englisch nennen wir das Public Value. Ziel ist zu verstehen, welchen Beitrag Organisationen zum Gemeinwohl leisten. Zum einen beobachten wir die Praxis. Wir analysieren, messen und strukturieren die gesellschaftliche Wertschöpfung von Unternehmen, öffentlichen Verwaltungen und Verbänden und Vereinen. Zum anderen geht es darum, Gemeinwohl auch für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen.

Ganz konkret setzen wir das u. a. mit dem Gemeinwohlatlas um, bei dem die Bevölkerung ihr Urteil über einzelne Organisationen abgibt. Und zwar aus folgender Überlegung heraus: Unternehmen und Organisationen können allein in ihrem Kerngeschäft viel machen, was wertvoll für die Gesellschaft ist. Entscheidend ist jedoch, was in der Öffentlichkeit ankommt. Dies ist keineswegs trivial. Einerseits entsteht Wert allein im Auge des Betrachters und andererseits sieht man nur das, was man weiß. In diesen beiden Sätzen steckt schon die ganz Brisanz unseres Forschungsthemas. Denn heute sind mehr denn je Medien, Konsumenten, Bürger und verschiedene Gruppen in der Gesellschaft damit beschäftigt, sich kritisch mit aktuellen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Nichts bleibt unentdeckt, in Windeseile kann aus einer früher harmlosen Nachricht ein richtiger Shitstorm werden. In dieser Hinsicht haben sich die Machtverhältnisse geändert. Damit stehen Unternehmen und letztlich Organisationen insgesamt vor neuen Herausforderungen, ihre Entscheidungen besser und umfassender zu legitimieren. Denn nicht alles, was legal ist, ist auch schon legitim. Sie sehen sich konfrontiert mit zum Beispiel Fragen zu Sinn und Zweck ihres Handelns und mit Fragen zur Nachhaltigkeit. Es ist alles schnelllebiger, emotionaler und damit dynamischer geworden.

Nachhaltigkeit scheint den Menschen wichtig sein. Zumindest höre ich sie oft darüber sprechen. – Was bedeutet der Begriff eigentlich?

| TM | Nachhaltigkeit ist zunächst ein Begriff des Zeitgeistes, der wichtige Phänomene auf den Punkt bringt. Gleichzeitig bleibt er unscharf und wird unscharf bleiben. So wie auch andere Begriffe wie Freiheit, wie Gerechtigkeit, wie letztlich auch Gemeinwohl. Hinter dem Begriff Nachhaltigkeit steht der moralische Impuls, die Erde für zukünftige Generationen zu erhalten. Eine gängige Definition ist, dass wir die Welt für unsere Kinder und Enkel mindestens genauso lebenswert erhalten, wie sie es heute für uns ist. Dahinter steckt die Erfahrung der letzten 30, 40 Jahre mit unserem Lebensstil – zumindest in der westlichen Welt –, dass wir mehr verbrauchen als uns vermeintlich zusteht und wir mehr maßhalten sollten.

Nachhaltigkeit hat an Macht und Kraft gewonnen und wird an vielen Stellen zu Recht mit Gemeinwohlfragen in Verbindung gebracht. Ich behaupte aber, die Diskussion dient gleichzeitig auch der Gewissensberuhigung. Für viele ist es ein Ablasshandel: Wer es sich leisten kann, kauft ohnehin das teurere Bio-Fleisch. Wenn es nicht gelingt, den Gedanken in der breiten Bevölkerung wirklich beliebt zu machen und Akzeptanz aufzubauen, werden auch bestimmte andere Sachen, wie zum Beispiel die Energiewende, nicht gelingen. Dazu gehört eben auch, den gesunden Menschenverstand nicht zu vergessen. Es kann etwa nicht die Lösung sein, dass wir alle Häuser dämmen und den Autoverkehr aus der Innenstadt vertreiben. Hier kollidieren schnell nachhaltigkeitsorientierte Gemeinwohlbelange mit anderen Gesichtspunkten des Gemeinwohls.

Ich bin zwar auch sehr für mehr Nachhaltigkeit. Aber ich sehe als Sozialwissenschaftler auch die Gefahr, dass das Thema genauso wieder verschwindet, wie es gekommen ist. Werte wandeln sich. Wir wissen nicht, ob Nachhaltigkeit in 20 Jahren noch ein Thema sein wird. Wir müssen deshalb  aufpassen, dass wir den Zeitgeist nicht für eine unveränderbare historische Wahrheit halten. Die entscheidende Frage heißt: Schafft Nachhaltigkeit auch Gemeinwohl? Über die Antwort entscheidet die breite Bevölkerung und nicht allein eine besorgte Elite, Politiker oder die Industrie. Aus meiner Sicht ist der Begriff Nachhaltigkeit anfällig, sich als Modewort und Worthülse selbst zu zerstören. In unserer westlichen Gesellschaft wird die Diskussion sehr moralisiert und in bestimmten Kontexten auch politisiert. In China zum Beispiel hat man eine andere Sicht. Dort ist man in Teilen weiter oder mindestens genauso weit in den Überlegungen.

Inwiefern ist China weiter?

| TM | Dazu gibt es eine kleine Geschichte, die zeigt, warum wir unsere eigenen westlichen Vorstellungen immer wieder auf den Prüfstand stellen müssen. Dominic Barton, der weltweite Managing Director der Unternehmensberatung McKinsey & Company, Inc., berichtete mir dazu eine Geschichte: Xi Jinping – heute der chinesische Präsident, damals Parteichef in Shanghai – hatte ihn und sein Team gebeten, die 100 wichtigsten Bücher zum Thema Nachhaltigkeit zusammenzustellen. Auf die Liste, die das Team daraufhin recherchierte, schafften es rund 60 Bücher. Einige Wochen später kam die Antwort von Xi Jinping: Von den 60 Büchern seien zehn tatsächlich interessant. An dieser Geschichte erscheint mir bemerkenswert, dass es offenbar nicht mehr tiefgehendes Wissen über Nachhaltigkeit gibt als in 10 Bücher passt. Nun, man könnte meinen: Das zeugt von Arroganz. Man kann aber auch sagen – und das war die Interpretation bei McKinsey: Die chinesische Führung beschäftigt sich so intensiv mit dem Thema, dass wir im Westen gar nicht mehr viel Neues erzählen können. Die große Ernsthaftigkeit, mit der die chinesische Führung sich des Themas annimmt, ist eine Beobachtung, die für manchen Betrachter im Westen in Kontrast zu gängigen Vorurteilen stehen dürfte. Doch sie entspricht auch meinen eigenen Erfahrungen, wie ich sie in Führungskräfte-Trainings mit chinesischen Teilnehmern gemacht habe. Public Value stößt in China auf hohes Interesse. Diese Dinge werden dort vor dem Hintergrund einer Philosophie von Ganzheitlichkeit und balance and harmony, mit großer Ernsthaftigkeit verfolgt.

Sie sehen den Begriff Nachhaltigkeit kritisch. Gibt es einen besseren?

| TM | Ganz klar. Der Begriff heißt Gemeinwohl. Denn: Nachhaltigkeit kommt, aber Gemeinwohl bleibt. Die Gemeinwohl-Frage ist schon seit 2000 Jahren da, und zwar seitdem es ein Nachdenken darüber gibt, was eine Gesellschaft zusammenhält: Was sind kollektive Werte, die für das Zusammenleben stehen, die eine Gesellschaft charakterisieren? Über die Zeit wachsen neue Themen, wie zum Beispiel Nachhaltigkeit hinein, und sie verschwinden auch wieder. Gemeinwohl ist für mich der haltbarere Begriff.

Aber einfacher wird es dadurch auch nicht. Denn Gemeinwohl ist das, was die Bevölkerung als Gemeinwohl betrachtet. Es handelt sich dabei keineswegs um Stimmungsschwankungen, sondern um tief verwurzelte Einstellungen in einem bestimmten kulturellen Umfeld. Neue Themen haben es da naturgemäß schwer. Und wenn da Nachhaltigkeit reinkommt, dann ist das schön und gut. Und wenn sie rausfliegt – was im Moment nicht zu erwarten ist – dann ist das so. Generell finde ich wichtig, dass Theorien offen bleiben und nicht zu normativ werden. Diese Gefahr sehe ich ein bisschen bei der Nachhaltigkeit: Da weiß man immer schon, was richtig ist. Mehr Nachhaltigkeit ist immer besser als weniger Nachhaltigkeit.

Auch was die drei Pfeiler von Nachhaltigkeit – Soziales, Ökologie, Wirtschaft – betrifft, bin ich eher kritisch. Diese sind zwar alltagspraktisch nachvollziehbar. Aber aus meiner Sicht ist das theoretisch-philosophisch keine gut fundierte Lösung. Beim Gemeinwohl ist es natürlich auch nicht einfach. Aber wir haben heute zumindest aus der Psychologie gute Hinweise darauf, welches die wichtigsten menschlichen Grundbedürfnisse sind. Darauf kann man dann aufbauen.

Menschen laufen nicht umher und sagen, das ist ein Gemeinwohl-Beitrag und das hier ist ein Gemeinwohl-Beitrag. Aber sie haben schon ein Empfinden dafür, wenn bei Skandalen das Gerechtigkeitsempfinden verletzt wird oder haben ein Gespür, was moralisch integer ist. Sie wissen auch genau, ob etwas zu ihrer Lebensqualität beiträgt. So verbindet sich mit der Idee des Gemeinwohls der Gedanke, den Beitrag von Organisationen – ob nun ein ganzes Unternehmen oder einzelne Produkte und Leistungen – vom Standpunkt gesellschaftlicher Werte zu beleuchten, die in individuellen Grundbedürfnissen verankert sind. Je eher Menschen den Eindruck haben: Die Organisation leistet gute Arbeit im Kerngeschäft, leistet einen Beitrag zum Zusammenhalt, trägt zur Lebensqualität bei und verhält sich anständig, desto stärker trägt sie zum Gemeinwohl bei. Dies hört sich etwas hochtrabend an, ist aber schnell verständlich, wenn man davon ausgeht, dass Organisationen jeden Tag aufs Neue „Gesellschaft machen“. Für mich fasst der Begriff Gemeinwohl damit all jene kollektiven Werte zusammen, die für das Zusammenleben in einem Sozialverband konstitutiv sind und dort Bindungswirkung entfalten. Im besten Fall wirkt Gemeinwohl für den Einzelnen dann als Ressource, woraus er Sinn, Orientierung und im besten Fall Identität und Energie ableiten.

Auf ein Gespräch | Professor Timo Meynhardt

Teil 2: Dem Gemeinwohl auf der Spur

 

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