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Teil 2: Dem Gemeinwohl auf der Spur

Fortsetzung von Teil 1: Auf ein Gespräch | Professor Timo Meynhardt

Professor Meynhardt, Gemeinwohl – worauf kommt es dabei aus Ihrer Sicht besonders an?

| Timo Meynhardt | Es gibt heute einen großen Bedarf für Organisationen, sich in den Augen der Gesellschaft zu spiegeln. Fakten allein, zum Beispiel Arbeitsplätze schaffen oder Steuern und Abgaben zahlen, reichen nicht mehr aus, um Vertrauen aufzubauen und zu halten. Deshalb ist eine große Frage: Wie spiegeln sich Faktenlage und Handlungen in gesellschaftlichen Bewertungen wider? Ich nehme wahr, dass dies auseinanderläuft und allein die Komplexität von Produktionsprozessen global agierender Organisationen nicht mehr ohne weiteres nachvollzogen werden kann. Unternehmen, Verwaltungen oder Parteien können viel Gutes leisten, aber wenn das in der Öffentlichkeit nicht ankommt, haben sie ein Problem, sich vor der breiten Bevölkerung zu legitimeren. Deshalb die Frage nach Public Value: Welche Implikationen hat das Handeln einer Organisation für die Gesellschaft, ihre Stabilität und Veränderung? Dahinter steckt auch die Annahme, wonach die Verfasstheit der Gesellschaft eben ganz wesentlich durch Organisationen bestimmt wird. Sie sind das Bindeglied des Einzelnen zur Gesellschaft außerhalb der unmittelbaren Gemeinschaft in Familie und Freundeskreis. Der Vater des modernen Managements, Peter Drucker, sprach von einer „Society of Organizations“, um diese integrierende Rolle zu beschreiben.

Gesellschaft ist für mich vor allem ein Bild im Kopf: Es gibt Gesellschaft nicht da draußen, sondern im Kopf. Es ist ein auf komplexe Weise materiell vermittelter, aber im Ergebnis ein mentaler Zustand, der auf Erfahrungen im sozialen Umfeld basiert. Bei Public Value geht es auch darum, diese Bilder im Kopf anzusprechen, Bilder zu erzeugen, Wahrnehmungen zu verändern. Und das ist heute nicht dadurch gegeben, dass man sagt: Das haben wir toll gemacht, bitte glaubt das jetzt. Entscheidend ist, was davon tatsächlich in der Gesellschaft und noch konkreter: im Bild des Einzelnen über die Gesellschaft bzw. darin geltende Werte ankommt.

Wo bleiben Tiere und Natur beim Gemeinwohl?

| TM | In der Psychologie gibt es das Bedürfnis, keinen Schmerz zugefügt zu bekommen, zu überleben, gesund zu bleiben, nicht verletzt zu werden. Diesen Bereichen kann man etwa den Umweltschutz zuordnen. Konsequent gedacht ist das dann ein Mittel zum Zweck, um andere Bedürfnisse zu erfüllen. Man kann das auch anders konzipieren, muss dann aber seine entsprechenden Prämissen offenlegen. Für die Tierwelt ist das schon schwieriger zu argumentieren. Hier möchte ich mich eher zurückhalten, da ich dafür kein Fachmann bin.

Nüchtern betrachtet geht es immer um ein Wertesystem: Es gibt zunächst keinen außerhalb unserer Kultur liegenden Grund, dass unser Planet mit seinen Bewohnern überlebt. Ich bin auch dafür. Keine Frage. Aber andere können andere Werte haben, die sich nicht mit Nachhaltigkeit in unserem Sinne in Einklang bringen lassen. Dieser Gedanke ist überhaupt nicht trivial, aber notwendig, um wissenschaftlich redlich zu bleiben und die stets veränderlichen normativen Grundlagen in den Blick zu bekommen.

Ich bin auch dafür, dass der Planet überlebt. Glauben Sie, dass dies gelingt?

| TM | Ich schaue optimistisch in die Welt, dass wir auch die großen Themen in den Griff bekommen können. Das ist allerdings keine wissenschaftliche Aussage. Das ist einfach mein unschlagbarer Optimismus. Gleichzeitig habe ich im Bewusstsein, dass Geschichte in der Entwicklung immer nach vorn offen ist. Es kann immer alles passieren. Man muss jeden Tag etwas dafür tun, das dünne Eis, dass die Kultur aufgebaut hat, nicht brechen zu lassen. Der Mensch trägt in sich auch Tendenzen, die barbarisch und grausam sind. So wie wir unser Grundgesetz hüten müssen, weil es eine große Errungenschaft ist, hüten wir auch unsere Kulturleistungen. Es besteht immer die Gefahr, dass diese auch zusammenbrechen können.

Was sind aus Ihrer Sicht Fragen, die in naher Zukunft, in den nächsten fünf Jahren eine wichtige Rolle spielen werden?

| TM | In den nächsten drei bis fünf Jahren wird es wichtig sein, in der Energiewende zu Richtungsentscheidungen zu kommen. Und zwar in einer Weise, dass es die Gesellschaft aushält und sie nicht auseinandertreibt. So wie es jetzt läuft, erscheint es mir nicht übersichtlich. Es gibt viele Absichten, es gibt viele Stakeholder, es geht um Interessen, es geht um viel Geld … Ich bin jedoch optimistisch, dass wir das hinkriegen. Eine weitere wichtige Entwicklung wird sein, dass die Digitalisierung unseren Alltag weiter verändern wird. Wie sah es damit vor zwanzig Jahren aus? 1995 gab es schon so etwas wie E-Mail. Doch haben wir damals geahnt, ahnen können, wie das unser Leben verändert? Suchmaschinen, Smartphone und Apps haben wir uns damals nicht im Traum vorstellen können. Wenn man sich allein diese Entwicklung vergegenwärtigt, traue ich niemanden eine Prognose zu, was in zwanzig Jahren sein wird – weder zum Thema Energie noch zum Thema Internet.

Welche Entwicklung würden Sie sich denn wünschen? Haben sie eine Vision?

| TM | Es gibt den Spruch von Helmut Schmidt: Wer Visionen hat, muss zum Arzt gehen. Das ist keine Zukunftsverweigerung, sondern das Eingeständnis, dass wir Prozesse nicht in der Hand haben. Ob Geschichte oder Wirtschaft: Es sind chaotische, komplexe Entwicklungen, wo wir nur im ganz Kleinen etwas erreichen und Eingriffsmöglichkeiten haben. Ich bin nicht utopiefeindlich, aber doch sehr utopieskeptisch. Ich würde mich als Radikal-Pragmatiker bezeichnen. Ich finde es gut, so wenig wie möglich große Pläne zu machen. Denn nur so bleibt man offen für neue Entwicklungen. Natürlich, wer Pläne entwirft und Visionen hat – toll! – dem laufen die Leute hinterher, der kriegt Beifall. Deshalb kostet es auch Kraft, sich den großen Ideen zu verweigern. Doch es ist wichtig – gerade heute – für verschiedene Wahrheiten offen zu sein, in der Suchbewegung zu bleiben und sich nicht festbinden zu lassen. Dazu gibt es unser Bild vom Fuchs und Igel…

Fuchs und Igel?

| TM | Es geht um eine Metapher von Archilochos, die durch Isaiah Berlin berühmt wurde und verschiedene Weltzugänge beschreibt: Der Fuchs kennt mehrere Perspektiven. Er kann viele Wahrheiten akzeptieren, auch wenn sie sich teilweise widersprechen. Dem Igel fällt das schwerer; der ordnet Wahrheiten in sein System ein, so komplex es auch ist. Der Igel hat eine Idee, wie sich alles ordnet. Sichtweisen, die nicht in sein Weltbild passen, schließt er aus. Mir scheint, dass es in unserer Zeit mehr Füchse braucht: Mehr Offenheit für andere Erfahrungen und für andere Weltsichten wären hilfreich.

Herr Professor Meynhardt, welchen schönen Satz geben Sie mir mit auf den Weg?

| TM | Ein Zitat von F. Scott Fitzgerald: The test of a first-rate intelligence is the ability to hold two opposed ideas in mind at the same time and still retain the ability to function. – Widersprüche aushalten und trotzdem nicht unfähig werden zu handeln: Diese Idee begeistert mich.

Frau Maulwürfin sprach auch mit:

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