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Auf ein Gespräch | Professor Matthias Barth

Professor Barth

Die Spezialgebiete von Matthias Barth sind die Bildung für nachhaltige Entwicklung und die Qualität in der Lehre. Seit kurzem ist er Professor an der Leuphana Universität in Lüneburg. Vorher war er schon woanders, in Nordrhein-Westfalen Professor. Und davor hat er zwei Jahre in Australien geforscht. Down Under. (Down und Under – klingt irgendwie nach Maulwurf-Paradies. Ob es in Australien Maulwürfe gibt… Besser wär es bestimmt.) Professor Barth schlägt als Gesprächsort dennoch sein Lieblings-Cafe auf dem Campus vor. Café 9 heißt es und ist der Platz, an dem er am liebsten arbeitet und auch gern mit seinen Studierenden diskutiert.

Sie haben in Lüneburg die Professur Sachunterricht und Bildung für nachhaltige Entwicklung übernommen. Warum, und was machen Sie da genau?

| Matthias Barth | Im Grunde bin ich heute wieder dort, wo ich mal angefangen habe. In Lüneburg habe ich nämlich Mitte der neunziger Jahre Umweltwissenschaften studiert, die damals ganz neu als Studiengang eingeführt waren. Zu meinem Forschungsthema wurde schon früh die Frage, wie man Studierende beim Kompetenzerwerb besser unterstützen und die Lehre an der Hochschule verändern kann. Dieser Weg hat mich letztendlich auch in die Lehrerbildung gebracht. Eine Frage, die mich umtreibt ist, welche Unterstützung angehende Lehrkräfte heute brauchen. Und zwar nicht nur bei der pädagogischen Handlungskompetenz, also wie sie didaktisch guten Unterricht gestalten, sondern auch in ihrer Rolle als Agenten des Wandels.

… wow, Lehrer sind Agenten?

| MB | Ja, Lehrer sind Agenten des Wandels in Richtung mehr Nachhaltigkeit. Wenn wir uns die Herausforderungen anschauen, vor denen wir gesamtgesellschaftlich stehen, dann haben Lehrkräfte eine wichtige Rolle. Deshalb möchte ich meinen Studierenden die Kompetenzen mit auf dem Weg geben, die sie befähigen, Unterricht unter der Perspektive Bildung für nachhaltige Entwicklung zu gestalten. Seit rund zehn Jahren bilden wir Lehrkräfte aus, die dann an Schulen als Change Agents, also Agenten des Wandels wirken. Mit jeder Generation, die wir neu an die Schulen schicken, wird ihr Einfluss stärker. Ich bin zurzeit viel in den Schulen unterwegs, und die Rückmeldungen, die ich dort von den Schulleitern bekomme, bestätigen das immer größere Interesse an Nachhaltigkeit. Viele Schulen wollen sich auf den Weg machen. Vielleicht in unterschiedlichem Tempo und auf unterschiedlichem Weg. Aber es ist ein Prozess, den jede Schule beginnen kann.

Was raten Sie einer Schulleiterin, die Nachhaltigkeit stärker in den Schulalltag integrieren will?

| MB | Ich war kürzlich zum Gespräch an einer Schule, die wollten das Thema Gesunde Ernährung umsetzen. Ich habe angeboten, gemeinsam mit Studierenden ein Seminar zu gestalten, in dem wir für die Schule ein Konzept entwickeln. Dabei begeben sich Schule und Studierende zusammen in einen Lernprozess. Diese Transdisziplinarität ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt in der Lehrerausbildung. Universität muss aus ihrem Elfenbeinturm raus. Ich will den Studierenden nicht ein abstraktes Szenario bieten, sondern sie sollen direkt an dem Ort lernen, wo es passiert. Ihren Arbeitsauftrag erhalten sie also nicht von mir, sondern direkt von der Schule. Ergebnis ist dann auch keine idealtypische Blaupause, sondern alltagstaugliche Ideen, die direkt von der Schule umgesetzt werden können.

Wie definieren Sie nachhaltige Entwicklung?

| MB | Beim Versuch nachhaltige Entwicklung zu definieren würde ich immer übers Ausschlussverfahren gehen. Was von dem, was wir im Moment beobachten können, ist nicht nachhaltige Entwicklung? Über diesen Weg lassen sich eher klare Grenzen ziehen. – Wenn ich mir vorstelle, wie eine nachhaltige Zukunft aussehen kann, steht für mich ganz klar im Vordergrund, dass Ressourcen insgesamt gerechter verteilt sind: zwischen den Generationen und vor allem zwischen Ländern des Nordens und des Südens. Bei beidem müssen wir ökologische Aspekte mitdenken. Wir haben nur diesen einen Planeten; es gibt Grenzen, die wir nicht wegdiskutieren können. Das Bild der planetaren Grenzen zeigt, dass wir mit Ressourcen sorgsam umgehen müssen. Zusätzlich zu diesen äußeren Grenzen gibt es innere Grenzen: soziale Gerechtigkeit, soziale Mindeststandards, gleiche Rechte und Grundbedingungen für alle.

Welche Rolle spielen Erziehung und Bildung bei einer nachhaltigen Entwicklung?

| MB | Sobald es um ein instrumentelles Verständnis geht, bin ich sehr skeptisch. „Erziehen in die richtige Richtung“ – das funktioniert aus verschiedenen Gründen nicht. Das Gestalten einer nachhaltigen Zukunft ist für mich ein offener Suchprozess. Wir können also nicht in eine bestimmte Richtung erziehen, weil wir diese Richtung nicht kennen. Und auch wenn wir die Richtung kennen würden, dürften wir es nicht: Wir dürfen nachfolgenden Generationen nicht vorschreiben, was für sie wichtig ist. Das Bildungsverständnis der Umwelterziehung in den frühen achtziger Jahren hat damals nicht funktioniert, und es funktioniert auch heute nicht.

Bildung kann es außerdem natürlich nicht alleine heilen. Wir werden nicht von politischen Steuerungsdebatten wegkommen, und wir werden auch die Naturwissenschaften weiter brauchen. Das Schöne in Lüneburg ist, dass man die Nähe zueinander hat. So ist es leichter, gemeinsam über disziplinäre Grenzen hinweg Projekte zu beantragen und über Fragestellungen nachzudenken.

Ist eine nachhaltige Entwicklung mit dem jetzigen Wirtschaftssystem zu machen?

| MB | Definitiv nicht. Das merken wir an ganz vielen Stellen, dass eine nachhaltige Entwicklung mit diesem quantitativen Wachstumsglauben nicht funktionieren kann. Das Wachstum ist ungebremst, und wir beobachten eine immer noch schnellere Dynamik, bei der die Ressourcen immer stärker verbraucht werden. Es gibt ein zaghaftes Umdenken in Richtung qualitatives Wachstum. Darüber müssen wir in nächster Zeit noch viel stärker nachdenken. Meiner Meinung brauchen wir ein radikales Umdenken.

Wie optimistisch sind Sie, dass die Menschen umdenken?

| MB | Ich bin Berufsoptimist. Sagen wir so: Ich bin verhalten optimistisch. Es macht mir natürlich Sorgen, wie sich der Ressourcenverbrauch beschleunigt und wie auch noch in Finanzmarkt- und Bankenkrisen und jetzt in der Eurokrise unbeirrt am Wachstumsglauben festgehalten wird. Trotz alle dem glaube ich ganz stark an die Lernfähigkeit des einzelnen und der Gesellschaft als Ganzes. Ein schnelles Umdenken kann funktionieren. Das passiert nicht ohne politischen Druck. Oft braucht es auch einen äußeren Warnschuss. In der Atomenergie wurde ein Umdenken erst durch das schreckliche Ereignis, wie Fukushima es für uns dargestellt hat, möglich.

Gibt es denn nicht schon genug Katastrophen?

| MB | Eine berechtigte Frage. Es gibt eigentlich schon zu viele Katastrophen. Da sind wir bei der Rolle von Kommunikation: Es ist auch eine Frage der Wahrnehmung und davon, wie Ereignisse medial transportiert werden. Ein globales Problem wie die Klimaerwärmung ist vielen noch zu abstrakt. Es ist unsere Aufgabe – die von Nachhaltigkeitskommunikation und ebenso die von Bildung – diese Brücke zu schlagen und zu vermitteln, wie globale Entwicklungen nicht nur Menschen in fernen Ländern, sondern auch uns direkt vor Ort betreffen.

Sie sagten, es gibt Beispiele, die Sie optimistisch stimmen. Welche sind das?

| MB | Ein Beispiel, das ich oft mit meinen Studierenden diskutiere, ist das Ozonloch. Vor 20 Jahren war es ein großes Thema. Die Bedrohungsszenarien damals beinhalteten bereits viele Aspekte der heutigen Nachhaltigkeitsdiskussion: ein komplexes Problem mit langfristigen Auswirkungen. Das Ozonloch war nicht direkt erfahrbar, und dennoch wurde es gesamtgesellschaftlich sehr schnell aufgenommen. Dafür gab es begünstigende Faktoren. So brauchte es kein radikales Umdenken, denn es gab verfügbare Ersatzstoffe für die FCKW. Außerdem hatten die Leute ein Problembewusstsein entwickelt, und dieser gesellschaftliche Druck ging einher mit dem politischen Willen.

Das Beispiel Ozonloch zeigt, dass wir es als Menschheit auch auf globaler Ebene schaffen können, gezielte Maßnahmen zu ergreifen und Instrumente aufzusetzen, um gemeinsam in eine bessere Richtung zu steuern. Das Ozonloch ist heute wieder nahezu geschlossen. Daran sieht man auch, wie gut es die Natur teilweise mit uns meint. Nämlich welche starken Selbstheilungskräfte sie hat, wenn man ihr nur die Chance dazu gibt.

Auf ein Gespräch | Professor Matthias Barth

Teil 2: Aus der Verantwortung kommen wir nicht heraus

 

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