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Teil 2: Aus der Verantwortung kommen wir nicht heraus

Fortsetzung von Teil 1: Auf ein Gespräch | Professor Matthias Barth

Warum bleibt die Bedrohung für viele abstrakt? Im Alltag erscheinen mir die Menschen relativ unbeeindruckt von zum Beispiel der Perspektive eines globalen Klimawandels. In den Büros ist der Papierverbrauch so hoch wie nie, obwohl doch jeder weiß, wie wichtig Bäume für das Klima sind. Und die Zahl von Flugreisen erreicht jede Saison einen neuen Höchststand…

| MB | Der Schritt vom Wissen zum Handeln ist sehr, sehr komplex. Das ist der erste Aspekt. Der zweite ist, dass einfache Lösungen nicht funktionieren. Wir Menschen suchen ja immer nach einfachen Lösungen, die auch möglichst gut in unser bestehendes Weltbild passen und in dem wir möglichst wenig umdenken oder anders machen müssen. Ein schönes Beispiel dafür war die Debatte um Biokraftstoffe. Das Versprechen damals hieß, wir können Erdöl einsparen, ohne unsere Mobilität einzuschränken. Wir tanken einfach anders, und dann wird alles besser. Doch es wurde ziemlich schnell klar, dass dies nicht funktioniert: Durch die Hintertür kam nämlich die Regenwaldabholzung als neues Problem dazu.

Das Grundproblem ist, dass wir auf einem Lebensstandard angekommen sind, von dem wir nicht gern lassen. Nachhaltigkeit wird oft so transportiert, dass es mit Verlust oder Einschränkung zu tun hat. Das kollidiert mit unserem bestehenden Weltbild, in dem es um ein immer Mehr und Besser geht. Ein entscheidender Punkt ist, dass Nachhaltigkeit anders kommuniziert wird: „Klar ist, es muss anders werden. Aber dieses Anders ist nicht schlechter ist, sondern es ist eher besser!“, muss die Botschaft lauten.

Wir müssen auch unsere Grundwerte hinterfragen. Ist das Materielle, das im Moment im Vordergrund steht, tatsächlich wichtig? Oder geht es uns dabei nicht eigentlich um andere Werte oder Bedürfnisse? Das sind Fragestellungen, wo das Abstrakte runter gebrochen werden kann, und man kommt zu ganz überraschenden Lösungen. Ein Beispiel dafür ist das, was unter Sharing-Economy diskutiert wird. Für Jugendliche, die heute in der Stadt aufwachsen spielen weder ein Führerschein noch ein eigenes Auto eine Rolle. Die Frage beim Autoverkehr ist daher: Geht es ums Auto als Besitztum? Oder ist das Bedürfnis, das dahinter liegt, Mobilität; wie finden wir zueinander, wie können wir mobil sein? Hier müssen wir ansetzen und nach Alternativen zum Auto fragen. Eine Möglichkeit sind so etwas wie Carsharing-Systeme, der bessere Ausbau von ÖPNV ist eine andere Möglichkeit.

Sie sagten, Nachhaltigkeit müsse anders kommuniziert werden. Was genau meinen Sie damit?

| MB | Über Einschränkungen erreicht man die Mehrheit nicht. Es ist nur ein kleiner Prozentsatz, der die Einsicht in bewussten Konsum hat. Beispiele dafür, wie man mit Verzicht und Vorschriften wunderbar gegen die Wand läuft, haben die Grünen in der Vergangenheit wiederholt geliefert: in den achtziger Jahren mit den fünf D-Mark für einen Liter Benzin oder jüngst mit dem Veggie-Day.

Nehmen wir das Beispiel Veggie-Day: Wenn wir da die Gesundheitsaspekte und ein anderes Lebensgefühl transportieren, haben wir eine ganz neue Diskussion. Es geht zum einem darum zu akzeptieren, dass die Leute Spaß haben wollen. Zum anderen ist Toleranz für das Nebeneinander anderer Denk- und Weltbilder wichtig. Die ist besser als dieses dogmatische Entweder-Oder. Man sollte einfach akzeptieren, dass Leute natürlich selbst entscheiden, wann und ob sie vegetarisch essen.

Die alte Umwelterziehung wollte noch die Werte im Kopf verändern. Doch statt vorzuschreiben, was die richtige Ernährung ist, geht es darum, dass Menschen selbst entscheiden: Will ich komplett vegan leben, möchte ich manchmal Fleisch essen, ist mir hochwertiges Fleisch wichtig oder die lokale Herkunft? Es ist wichtig, dass Leute ein Verständnis für komplexe Fragestellungen entwickeln und sowohl kognitiv als auch emotional in der Lage sind, diese für sich persönlich zu entscheiden. Letztlich wird das in wenige Lösungen münden, doch die Wege dahin sind viel offener.

Haben Sie eine Vision?

| MB | Schön, dass Sie das fragen. Wenn ich im Seminar mit meinen Studierenden über Visionen spreche, ist meine erste Folie das Zitat von Helmut Schmidt: Wer Visionen hat, muss zum Arzt gehen. – Ich habe eine andere Auffassung: Ich glaube, dass wir Visionen brauchen. Ich glaube auch, das Konzept der nachhaltigen Entwicklung braucht Visionen.

Was würden Sie machen, jetzt sofort, um die Welt ein bisschen besser zu machen? Stellen Sie sich vor, Sie hätten den berühmten Zauberstab…

| MB | Nachhaltigkeit sollte fester Bestandteil jeder schulischen Ausbildung sein. Nicht als eigenes Schulfach – wie es ja auch diskutiert wird – sondern Nachhaltigkeit als Perspektive in der Bildung. Es braucht einen systematischen Denkansatz wie Schüler zu nachhaltigen und aktiveren Handeln befähigt werden. Um das zu erreichen müssen wir, das denke ich, Schulen komplett ändern. Und zwar auf zwei Ebenen – und dafür könnte man den Zauberstab gut benutzen: Eine Ebene betrifft die Weise, wie Unterricht gestaltet wird. Einzelne Themen und Inhalte sollten grundsätzlich im größeren Zusammenhang, in der Perspektive der Nachhaltigkeit erscheinen. Nur wenn unterschiedliche, bisher getrennte Themen zusammengedacht werden, gibt es die Möglichkeit zum interdisziplinären Nachdenken und damit zum Entwickeln von Problemlösungen. Die zweite Ebene betrifft Schule als Ganzes. Mir erscheint wichtig, dass sich Schule als Lernort verändert. So wie Schüler die Institution Schule heute erleben, spielt Nachhaltigkeit selbst doch noch gar keine Rolle spielt. Dabei muss auch gerade Schule ein Ort sein, an dem Nachhaltigkeit gelebt wird: Zum Beispiel gesunde nachhaltige Ernährung über das Schulessen und das Angebot im Schulkiosk. Oder umweltbewusste Mobilität über den Umgang mit der Frage, wie Kinder morgens zur Schule kommen. Nur darüber können Schüler erkennen, dass Nachhaltigkeit nicht nur Wissen ist, was man in einem Fach lernt, sondern tatsächlich auch im Alltag wichtig ist.

Und andersrum: Was können erwachsene Menschen in Sachen Nachhaltigkeit von Kindern lernen?

| MB | Kinder sind die idealen Projektpartner, um über Zukunft nachzudenken. Die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts wird für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ein ganz wichtiges Datum. 2050 wird ein Tipping point; wir werden uns stärker mit den Auswirkungen von Klimawandel und Bevölkerungswachstum beschäftigen müssen. Kinder, die jetzt zur Schule gehen, sind dann die Entscheidungsträger. Sie werden diese Zukunft also nicht nur miterleben, sondern auch mitgestalten. Darauf müssen wir diese Generation vorbereiten. Wenn Sie mit dieser Generation über Zukunft nachdenken, ist es schön, ihre Offenheit und Neugier zu erleben. Kinder reagieren nicht wie Erwachsene mit Vermeidungsstrategien, mit „das ist mir zu abstrakt“. Im Gegenteil: Kinder können – ganz natürlich – komplexe, aus ganz unterschiedlichen Fachdisziplinen kommende Aspekte zusammendenken! Denn Kinder kennen diese Trennung in unterschiedliche disziplinäre Betrachtungsweisen noch nicht. Deshalb können Erwachsene viel von Kindern lernen; die Entwicklung einer Schule in Richtung Nachhaltigkeit kann von der Partizipation ihrer Schüler nur profitieren. Wenn Kinder gefragt werden, „wie stellt ihr euch eure Schule vor?“, und in diesem Prozess tatsächlich ernstgenommen werden, dann kommen immer ganz überraschende Antworten. Auf diese spannenden Ideen würden Lehrkräfte und außerschulische Partner allein nicht kommen.

Haben Sie zum Schluss einen schönen Satz für mich. Ein Zitat oder vielleicht Ihr Motto?

| MB | So sehr ich an Visionen glaube, ein Motto habe ich nie gehabt…obwohl ich es toll finde, wenn andere eines haben. – Mir ist wichtig, über die Lebenswelt Zukunft nachzudenken. Ich versuche, besonders seit ich eigene Kinder habe, durch die Brille der Kinder drauf zu schauen: Welche Zukunft möchte ich? Wohin möchte ich die Zukunft mitgestalten, so dass nicht nur meine Kinder, sondern die nachfolgenden Generationen die gleichen Chancen haben?

Ich höre eine ganz starke Verantwortung für die Zukunft…

| MB | Ja, klar. Aus dieser Verantwortung kommen wir auch nicht heraus.

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