Blog, Feature, Gemeinwohl, Nachhaltiger Konsum, News
Schreibe einen Kommentar

Enkelfähigkeit ist das falsche Wort. Gerade heute

Nachhaltigkeit ist ein so abstraktes Wort. Ein neues Wort muss her! Am besten eins zum Anfassen. – Das neue Wort ist gefunden. Es heißt: Enkelfähigkeit. Ich höre es in letzter Zeit immer häufiger.

Enkelfähigkeit – diese Wort macht mich wütend.

Es ist kurzsichtig. Es ist eurozentrisch. Es ist egoistisch. Es führt noch weiter in die Sackgasse. Besonders deutlich wird dies bei der Debatte zu den sogenannten „Wirtschaftsflüchtlingen“. Wir tragen Verantwortung für diese Menschen, denn es gibt Zusammenhänge zwischen unserem Wohlstand und ihren Fluchtgründen. Die Gründe für ihre Flucht – globale Ausbeutung, Sklavenarbeit und Rohstoff-Zerstörung – machen die Waren in unseren Supermärkten so billig. Diese Zusammenhänge blendet der Begriff „Enkelfähigkeit“ aus.

Der Begriff verschiebt die Aufgabe, „etwas irgendwie, aber doch schon grundlegend verändern zu müssen“, in eine ferne, noch nicht begonnene Zukunft. Er suggeriert, es sei Zeit, sich nochmal zurückzulehnen in seinem Großvater-Schaukelstuhl und bei einer Tasse biologisch-organischen Tee wohlig-besorgt über den Zustand der Welt zu sinnieren. Doch Nachhaltigkeit ist kein abstraktes Zukunftsthema, sondern eine unbewältigte Aufgabe, deren Folgen bereits jetzt – unübersehbar – da sind:

Heute sind 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Bis 2050 werden nach UN-Schätzungen nochmal viermal so viele Menschen wegen der Folgen von Stürmen, Dürren oder Überschwemmungen ihre Heimat verlassen müssen. In diesem Jahr flüchteten eine Viertelmillion Menschen nach Europa. Manche auf Grund von Krieg und Terror. Andere wegen wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit und Not infolge von Naturzerstörung, Landgrabbing internationaler Konzerne und unfairer Preise auf dem Weltmarkt.

Der Hunger in Afrika ist vor allem von Menschen gemacht. Überall auf dem Kontinent werden Bauern von ihrem Land vertrieben, das sie und ihre Familien seit Generationen ernährt hatte. Und das alles nur, damit wir Bio im Tank haben und im Winter frische Schnittrosen („fairtrade“) in der Vase. Aus der Wissenschaft gibt es zudem Anhaltspunkte – auf den empirisch gesicherten Nachweis sollte man wirklich nicht warten wollen – dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Dürren und extremen Wetterverhältnissen in Afrika und den anhaltenen Anstieg an CO2-Emissionen bei uns.

„Wirtschaftsflüchtlinge“ sind Europa unangenehm – sie erinnern daran, dass sich unser Wohlstand auf Ausbeutung gründet

Tausende Menschen ertrinken im Mittelmeer und ersticken in Lastern. Was brauchen wir noch, um aufzuwachen? Die mentalen Abwehr- und Rechtfertigungsstrategien sind nachgerade faszinierend. Wer aus politischen Gründen nach Europa kommt, bestätigt unsere zivilisatorische Überlegenheit. Deshalb: Kriegsflüchtlinge dürfen rein. Doch wer aus wirtschaftlicher Not und Elend flüchtet, der erinnert daran, dass sich unser Wohlstand auf Ausbeutung gründet. Deshalb: Schnell abschieben. Oder besser noch, gleich ganz ausserhalb der eigenen Sichtweite halten.

Der Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ entspringt nicht den Polemiken der Pegida-Fraktion sondern der „europäischen Staatsräson“ und der Genfer Flüchtlingskonvention: Krieg, Zerstörung und Verfolgung sind anerkannte Fluchtgründe. Hunger und Armut hingegen sind es nicht. Diese Unterscheidung  macht alle Menschen, die nach Europa kommen, um dem Elend in ihrer Heimat zu entgehen, zu illegalen Einwanderern. Sie werden abgetrennt von allen rechtlichen Bezügen, auch von den angeblich „angeborenen, natürlichen“ Menschenrechten.

Ich glaube, in der ganzen Diskussion um Transformation, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit werden wir uns immer weiter in Richtung Sackgasse bewegen, solange sich Politik und Gesellschaft in der Flüchtlingsfrage gegen eine ehrliche Analyse wehren. Um Lösungen finden zu können, müssen auch Verantwortung und Zusammenhänge zwischen unserem Wohlstand und den Fluchtgründen klar benannt sein. Der Begriff Enkelfähigkeit ist dabei alles andere als hilfreich, da er für diese Zusammenhänge blind macht.

 

 

 

 

Share on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInEmail this to someonePrint this page

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>